Steve Hackett – Surrender of Silence


Erscheinungsjahr 2021 | Blu-ray | Progressive Rock

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71 Jahre und nicht müde. Nachdem Steve Hackett Anfang des Jahres bereits mit UNDER A MEDITERRANEAN SKY ein neues Akustik-Album veröffentlicht hat, legt er gerade mal neun Monate später einen Nachfolger nach. SURRENDER OF SILENCE heißt das neue Album und ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger auch wieder in Surround Sound erschienen.

SURRENDER OF SILENCE ist wieder ein typisches Rockalbum, wie man es von Steve Hackett, dem ehemaligen Genesis-Gitarristen, in den letzten Jahren erwarten konnte. Das meiste wurde von ihm und Roger King im heimischen Studio (Steves Wohnzimmer) aufgenommen. Es gibt aber auch wieder zahlreiche Gäste, die man auf dem Album hören kann, unter anderem natürlich Hacketts Liveband. Sogar Nad Sylvan, der im Liverepertoire von Steve Hackett immer die Gesangsteile von Hacketts alten Mitstreitern Peter Gabriel und Phil Collins übernimmt, durfte auf einem Song vom neuen Album seine Gesangskünste unter Beweis stellen. Als Gastschlagzeuger sind zudem Phil Ehart von Kansas und Nick D‘Virgilio zu hören. Mit Phil Ehart hat Steve Hackett zuletzt auf seinem 1978 erschienenen zweiten Soloalbum PLEASE DON’T TOUCH zusammengearbeitet.

Den Surroundmix von SURRENDER OF SILENCE hat wieder Roger King erstellt. Erschienen ist er in einer Deluxe Box im Mediabook-Format. Im Gegensatz zu den früheren Veröffentlichungen hat man sich hier für eine etwas teurere Variante erschienen. Hoffen wir, dass das nächste Hackett Album nicht in einer Super-Deluxe-Edition mit großem Buch, Outtakes-CD, Doppelvinyl und weiterem Krimskrams für um die 100 Euro erscheint. Mit dem neuen Album ist Steve Hackett in den deutschen Charts in die Top 10 gekommen, was ihm in seiner 46 Jahre alten Solokarriere noch nie gelungen ist.

Steve Hackett Surrender of Silence Deluxe Edition


Tracklist:

1 The Obliterati – 2:16
2 Natalia – 6:17
3 Relaxation Music For Sharks – 4:36
4 Wingbeats – 5:19
5 The Devil‘s Cathedral – 6:30
6 Held In The Shadows – 6:20
7 Shanghai To Samarkand – 8:27
8 Fox’s Tango – 4:21
9 Day Of The Dead – 6:25
10 Scorched Earth – 6:03
11 Esperanza – 1:04

Gesamtdauer: 57:38


Die Musik:

Wem die letzten Veröffentlichungen von Steve Hackett der sagen wir 10-15 Jahre gefallen, der kann wieder bedenkenlos zugreifen. Wer findet, dass sich Hackett längst in seinem Klangkosmos festgefahren hat, der dürfte sich mit diesem Album wieder bestätigt fühlen. Man erhält wieder Musik, die zwischen Hacketts virtuoser Gitarrenarbeit und Roger Kings Unmengen an Library-Sounds hin und her pendelt. Natürlich gibt es wieder viel Sample-Orchester und Bombast zu hören, virtuelle russische Chöre, afrikanische Gesänge und Getrommel und hier und da auch echte Instrumente aus dem Mittleren Osten.

Steve Hackett scheint diese Vielfalt zu gefallen und es sei ihm gegönnt. Mit über 70 Jahren muss er sich nicht mehr neu erfinden, und wenn ihm das Ergebnis am Ende gefällt, hat er auch alles richtig gemacht. Ich denke, er ist als alternder Musiker immer noch fasziniert davon, dass man mit verhältnismäßig günstigen Mitteln so eine klangliche Bandbreite auf ein Album packen kann. Wer hätte das noch vor 20 Jahren gedacht? Dem normalen Hörer ist das aber auf Dauer viel zu opulent, vor allem weil der Sound auch auf den letzten vier oder fünf Alben von Steve Hackett auch schon so zu hören war.

Manchmal wandelt das Album sehr nah an Kitsch und darüber hinaus. Wingbeats scheint mir eine Bewerbung für ein König der Löwen Musical zu sein. Generell hat man oft das Gefühl, man würde Filmmusik hören mit Gesang. Natalia würde super als Untermalung für einen Tim Burton Film passen mit Johnny Depp als zwielichtigen Russen.

Was die Gitarrenarbeit von Steve Hackett angeht, muss man aber den Hut ziehen. Ich weiß nicht, ob es noch einen Rockgitarristen über 70 gibt, der noch so spielen könnte, wie es Hackett auf dem Album tut. Aber auch hier habe ich das Gefühl, dass er unbedingt allen zeigen will, dass er mit 71 schneller spielen kann als mit 21 (was eigentlich stimmt). Es wirkt ziemlich aufgesetzt.

Es gibt aber auch Highlights auf dem Album! Fox‘s Tango, ein Song der nichts mit dem alten Genesis Album Foxtrot zu tun hat, sondern von Fake News handelt, die der amerikanische Newssender Fox News gerne mal verbreitet hat, ist ein guter Rocker geworden, der sich nicht so in Bombast und viele musikalische Wechsel verstrickt. Vor allem Hacketts Gesang ist hier überraschend gut, was man ihm so nicht zugetraut hätte. Ebenfalls gefallen Held in The Shadows und Scorched Earth, die obligatorische Ballade am Ende des Albums. Shanghai to Samarkand ist ebenfalls auch nicht zu verachten. Es ist zwar größten Teils Stückwerk und besteht aus vielen Teilen, transportiert aber eine tolle Stimmung und erzeugt damit beim Hörer Bilder von Reisen auf der Seidenstraße. Vielleicht muss man das Album als großen musikalischen Reisebericht begreifen, in Zeiten, in denen Reisen schwierig ist. Vielleicht lässt sich auf diese Weise ein Zugang zur Musik finden.

Wertung: 75 %


Besetzung:

Steve Hackett – electric & acoustic guitars, 12 string, charango, oriental zither, harmonica, percussion, vocals
Roger King – keyboards, programming & orchestral arrangements
Jonas Reingold – bass
Rob Townsend – soprano sax, tenor sax, bass clarinet, dizi
Christine Townsend – violin, viola
Craig Blundell – drums (5, 6, 10)
Phil Ehart – drums (7)
Nick D’Virgilio – drums (3, 8)
Amanda Lehmann – vocals (2, 4, 6, 9, 10)
Durga McBroom – vocals (4)
Lorelei McBroom – vocals (4)
Nad Sylvan – vocals (5)
Malik Mansurov – tar (7)
Ubaidulloev Sodirkhon Saydulloevich – dutar (7)


Der Surroundmix:

Die ersten Mixe in Surround Sound, die Roger King für Steve Hackett erstellt hatte, waren noch ziemlich ernüchternd und wenig bis gar nicht diskret. Eine leichte Abwandlung des jetzigen Albumtitels würde diese Mixe perfekt beschreiben: Surrounded by Silence. Doch das neue Album heißt bekanntlich SURRENDER OF SILENCE, was man mit „Kapitulation der Stille“ übersetzen könnte. Die Stille, die man früher aus den Rears vernommen hat, wenn man sich eines der früheren Hackett-Alben angehört hat, hat nun die weiße Fahne geschwenkt. Denn in der Tat bietet uns das Album im Surroundmix eine durchaus große Bandbreite an diskreter Verteilung der Instrumente im Raum.

Klar, der Mix von SURRENDER OF SILENCE spielt immer noch nicht in der obersten Liga. Das liegt aber dieses Mal nicht mehr am etwas konservativen Mix, sondern nur am Gesamtsound, den uns Roger King seit Jahren liefert. Ich bin einfach kein Freund von dem verhallten Mischmasch, dem dichten Sound, der den einzelnen Instrumenten kaum Luft zum atmen lässt. Hier muss man soundtechnisch deutlich Abstriche machen, auch wenn ich finde, dass das Album in Surround noch deutlich besser klingt als in Stereo. Vor allem lässt sich in 5.1 Hacketts Gitarre viel besser vom King‘schen Orchester separieren.

In Surround macht das Album deutlich mehr Spaß und gefällt mir um einiges besser, als wenn ich es nur in Stereo höre. Und das liegt in erster Linie am weitaus diskreten Mix. Dieses Mal hat Roger King durchaus viel in die hinteren Kanäle gemischt. Das sind zumeist seine Orchestersounds, Chöre, Keyboards und so weiter, aber gelegentlich hört man auch Gitarren und andere Saiteninstrumente aus den Rears. Gerade da, wo es opulent im Arrangement wird, wird man als Hörer von vielen Instrumenten eingekesselt. Etwas anders ist es, wenn es etwas rockiger zur Sache geht, Hackett ein schnelles Solo spielt und man nur noch Bass, Schlagzeug und vielleicht etwas Keyboards als Begleitung hört. In dem Fall wird der Mix dann wieder etwas frontlastiger, wie man es von früher kennt.

Mein persönliches Highlight im Surroundmix ist das acht Minuten lange Shanghai To Samarkand, ein Stück, welches aus verschiedenen Teilen besteht, aber dennoch etwas untypisch für Steve Hackett klingt. Erst gegen Ende gibt es ein typisches Solo, verpackt in einen an Led Zeppelins Kashmir erinnernden Rhythmus, vorher überlässt Hackett verschiedenen anderen Musikern die Bühne. Man bekommt eine Reihe an fremdartigen östlichen Saiteninstrumenten zu hören, dazu Streicher und Violinen, später auch Percussion. Das Ganze wird sehr diskret im Raum verteilt, dass unweigerlich eine Stimmung erzeugt wird, als befände man sich auf einer Reise.

Wertung: 89 %


Vorhandene Tonformate:
DTS-HD Master Audio 5.1
LPCM (48 kHz / 24 bit) 5.1
LPCM (48 kHz / 24 bit) Stereo

Album starten:

Wenn man lediglich auf Enter klickt erklingt das Album nur in Stereo. Man kann über die Audiotaste auf 5.1 umschalten, aber da sind die ersten Takte des ersten Stückes längst erklungen. Vorher im Menü auf Surround umzustellen, macht selbst beim eingeschalteten Fernseher keinen Spaß:

RUNTER > RECHTS > RUNTER > ENTER > LINKS > HOCH > HOCH > ENTER

Abwertung: – 3,5%


Bonusmaterial:

Als Bonusmaterial gibt zwei Musikvideos zu zwei Stücken von Steve Hacketts letzten Album UNDER A MEDITERRANEAN SKY zusehen. Angucken auf eigene Gefahr, die Videos sind echt kitschig und überaus schlecht gemacht. Vielleicht ist das Kunst.

Aufwertung: + 0,5%


Anspieltipp:

Shanghai to Samarkand, Fox’s Tango


Fazit:

Musikalischer Stillstand trifft surround-abmischenden Fortschritt

Pros / Cons:
+ in weiten Teilen sehr guter Surroundmix
+ zwei „Kunst“-Musikvideos als Bonus (+0.5%)
+ High-Res (+1%)
– Albumstart in Surround mit Problemen (-3,5%)
– Kein Klang, um mit der Anlage zu protzen, es sei denn, Roger King ist zu Besuch
– Steve Hackett stagniert in seinen Musikformen

 

GESAMTWERTUNG: 83 %

Erläuterungen zur Bewertung

Verfügbarkeit:

CD / Blu-ray: Das Mediabook ist ohne Probleme für ca. 33 Euro zu bekommen.

Stand: 25.09.2021

 


Links:

Offizielle Webseite von Steve Hackett

 

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