Steve Hackett – Please Don’t Touch


Erscheinungsjahr 1978 | DVD | Progressive Rock

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Nachdem Steve Hackett die Band Genesis im Jahr 1977 wegen musikalischer Differenzen verließ, machte sich der Gitarrist an die Arbeit an seinem zweiten Soloalbum. Die neu gewonnene Freiheit wollte er dazu nutzen, auf seinem zweiten Soloalbum viele neue musikalische Stile auszuprobieren, die in einem Bandgefüge, wie dem von Genesis, nicht möglich wären. Vor allem schwebte ihm vor, weiße und schwarze Musik miteinander zu vermischen. Aus diesem Grund beschloss er, vor allem amerikanische Musiker für sein neues Projekt zu buchen und reiste für die Aufnahmen nach Los Angeles.

Die Gästeliste auf dem Album liest sich durchaus prominent. Da Steve Hackett zu der Zeit seinen eigenen gesanglichen Darbietungen nicht traute, waren vor allem verschiedene Gastsänger auf dem Album aktiv. Unter anderem lieh die amerikanische Jazz und Soul-Sängerin Randy Crawford ihre Stimme, die zu der Zeit noch relativ unbekannt war und Steve bei einem Club-Konzert beeindruckte. Außerdem war auch noch Richie Havens mit an Bord, der 1969 in Woodstock aufgetreten ist. Ein weiterer Gastsänger wurde Steve Walsh von der amerikanischen Progressive Rock Band Kansas, der zu den Aufnahmen auch noch seinen Bandkollegen Phil Ehart mitbrachte. Dieser teilte sich die Schlagzeugparts mit Chester Thompson, der auf der letzten Genesis-Tour das Schlagzeug von Phil Collins übernommen hatte, da letzterer zum Sänger wurde.

Seinen Gitarrensound erweiterte Steve Hackett mit einer Produktneuheit. Auf seiner letzten Tour mit Genesis schenkte ihm das japanische Unternehmen Roland ihren nagelneuen Gitarren-Synthesizer (Phil Collins bekam einen Drumcomputer). Da Hackett stets auf der Suche nach neuen Klangmöglichkeiten der Gitarre war, war er für dieses Gerät Feuer und Flame und einer der Gitarristen, die in den darauffolgenden Jahren oft zu diesem Instrument griffen.

PLEASE DON‘T TOUCH erschien schließlich im April 1978. Das Album Cover entwarf seine damalige Frau Kim Poor, welches Gerüchten zufolge Ridley Scott einige Jahre später zu einer Szene in Blade Runner inspirierte, in der Spielzeuge Harrison Ford angriffen. Steven Wilson erstellte schließlich fast 40 Jahre später einen Surround Mix, der zum einen auf der Box PREMONITIONS erschien und einige Zeit später auch separat erhältlich war.


Tracklist:

1 Narnia – 4:05
2 Carry On Up the Vicarage – 3:11
3 Racing in A – 5:07
4 Kim – 2:13
5 How Can I? – 4:38
6 Hoping Love Will Last – 4:23
7 Land of a Thousand Autumns – 1:38
8 Please Don’t Touch – 3:39
9 The Voice of Necam – 3:11
10 Icarus Ascending – 6:27

Gesamtdauer: 38:35


Die Musik:

Steve Hackett tobt sich auf diesem Album stilistisch voll aus. Kritiker bemängeln, dass es manchmal etwas zu lebhaft wäre und er den Hörer mit zu vielen musikalischen Brüchen konfrontieren würde. Im Gegensatz zu seiner ehemaligen Band, die oft Stücke komponierte, die um die 10 Minuten oder länger dauerten (was im Progressive Rock oft als Qualitätskriterium herhalten muss), haben die Songs hier alle mehr oder weniger typische Radiolängen.

Manches davon klingt eingängig und könnte durchaus im Radio gespielt werden, wie das erste Stück Narnia oder die Lagerfeuer-Folk-Ballade How Can I mit Richie Havens als Sänger. Andererseits krempelt Hackett gerne mal einen Song im Arrangement plötzlich völlig um. Racing in A beginnt als schnelle Hard Rock Nummer und endet als klassisches Gitarrenstück im Stile von Johann Sebastian Bach. Die wundervolle Soulballade Hoping Love Will Last wird in der Songmitte von einem schrägen Zwischenspiel von Gitarrensynthesizer und Streichern unterbrochen, um bloß nicht irgendwann auf einer Kuschelrock-LP zu landen. Die höchste Dichte an plötzlichen Richtungswechseln gibt es dann bei Icarus Ascending. Aus eine melancholischen Hymne, wird Minimalmusik, wird Reggea, wird Jazz, wird Bluesrock, wird melancholische Hymne. Das alles übrigens innerhalb einer halben (!) Minute. Wem das noch zu mainstream klingt, der sollte sich Carry on Up The Vicarage anhören, ein Song bei dem ich eigentlich nicht weiß, was das für eine Musikrichtung sein soll. Man würde es vermutlich auch eher Monty Phyton zuordnen, als dem Ex-Gitarristen eines humorlosen Rockdinosauriers.

Neben den Songs gibt es auch noch instrumentale Stücke, die ebenfalls nicht unterschiedlicher sein könnten und zwischen romantischer Klassik, Fusion und Ambient anzusiedeln sind. Zusammengefasst ist PLEASE DON‘T TOUCH ein ziemlich schräges Stück Musikgeschichte, welches selbst für beinharte Prog Rock Hörer vielleicht zu viel des Guten sein könnte. Interessant ist allerdings, dass obwohl das Album einerseits unzählige Musikrichtungen abhandelt und sehr abwechslungsreich daherkommt, es andererseits doch wie aus einem Guss klingt und scheinbar einem roten Faden folgt. Für mich das bis heute beste Hackett-Album!

Wertung: 94 %


Besetzung:

Steve Hackett – Electric guitar, acoustic guitar, Roland GR-500 Guitar Synthesizer, vocals (2), backing vocals, keyboards, percussion
John Hackett – flute, piccolo, bass pedals, keyboards
John Acock – keyboards
James Bradley – percussion
Phil Ehart – drums, percussion
Tom Fowler – bass
Richie Havens – lead vocals (5, 10), percussion
Dave Lebolt – keyboards
Hugh Malloy – cello
Graham Smith – violin
Chester Thompson – drums, percussion
Steve Walsh – lead vocals (1, 3)
Maria Bonvino – guest female soprano (6)
Randy Crawford – lead vocals (6)
Feydor – vocals


Der Surroundmix:

Ich bilde mir ein, dass die Welt den Surround Mix von PLEASE DON‘T TOUCH zu einem gewissen Grade mir zu verdanken hat. Vor etwa 10 Jahren gab es mal vor einem Steve Hackett Konzert eine Autogrammstunde mit dem Meister. Da erzählte ich ihm, das dieses Album prädestiniert für einen Surroundmix wäre, da hier eine Menge Effekte und verschiedene Soundschichten zu hören wären, die in Stereo nur schwer zur Geltung kommen würde und es mein Lebenswunsch wäre, dieses Album eines Tages in 5.1 zu hören (Ich habe etwas dick aufgetragen). Damals sagte er mir, dass er das nachvollziehen könne, es aber nur ein Traum bleiben dürfte, da er an dem Material keine Rechte besitze und nichts machen könne. Aber wie man sieht, ich wurde erhört, was daran liegen könnte, dass ich nach dieser Abfuhr sehr traurig drein geblickt habe. Das wirkt immer!

Zurück zum Thema: Der Surroundmix, den Steven Wilson aus den Aufnahmen mischte entspricht nahezu genau meinen jahrelangen Vorstellungen, wie dieser klingen könnte. Steve Hackett hat auf diesem Album ziemlich viel zu tun gehabt. Es gibt zahlreiche Gitarrenspuren und auch der Gitarrensynthesizer kommt oft zum Einsatz. Ich habe das Gefühl, dass man nun viel besser heraushören kann, dass bestimmte Sounds dem Roland zuzuordnen sind, die ich vorher eher einem normalen Synthesizer zugeschrieben hätte. Dieser wird stets auch sehr effektvoll in die akustische Raumszenerie eingefügt. Bei Narnia sind die klagenden Roland-Töne mal hinten links und mal rechts zu hören. Wilson lässt die Synthiegitarre fast immer in den hinteren Kanälen erscheinen.

Steve Hackett setzt auf dem Album einige Male einen sehr speziellen, etwas kalt klingenden Chorsound ein, der in ähnlicher Weise bereits auf dem letzten Genesis Album Wind And Wuthering zu hören war. Auch hier werden diese Chor-Passagen sehr effektvoll platziert. Vor allem im kleinen Instrumental The Voice of Necam ist dies wunderbar zu betrachten. Zum Teil besteht das Stück aus unzähligen Chorspuren, die mal hier mal da kurz ertönen. Zunächst hat man das Gefühl, als schwappe dieser Chor wie eine Welle über den Hörer, später ist es so, als tauchen diese Stimmen mitten im Nirgendwo plötzlich auf um kurz darauf wieder zu verschwinden.

Überraschender Weise funktioniert auch das Instrumental Kim, das Hackett seiner damaligen Frau gewidmet hat sehr gut in Surround. Es besteht lediglich aus sanft gezupften Akkorden auf der Akustikgitarre und einer Melodie auf der Querflöte, die Bruder John spielt. Beide Instrumente kommen relativ frontal, allerdings ist eine Menge Hall mit im Spiel. Obwohl ich kein großer Fan von Hall bin (vor allem was 80er Jahre Produktionen angeht), bin ich doch sehr überrascht, wie gut das hier klingt. Der Hall füllt den kompletten Raum sehr angenehm und gibt dem Stück eine sehr verträumte Stimmung.

Soundtechnisch klingt das Album wunderbar. Es ist alles sehr klar und präzise aufgelöst, die Bässe sind druckvoll und das komplette Instrumentarium wird vollformatig im Raum verteilt. Zum ersten Mal kann man zudem den Operngesang von Maria Bonvino in Hoping Love Will Last auch wirklich heraushören. Hier hatte ich mir seit 1993 den Kopf zerschlagen, wo der bitte schön sein soll, wo er doch in den Credits aufgelistet ist.

Leider finde ich aber, das Steven Wilson die Abmischung des Titelstückes ein wenig verhunzt hat. Zum einen kommt mir die Flöte in Please Don‘t Touch sehr leise vor und zum anderen dröhnt es teilweise aus den hinteren Boxen, dass es meiner Meinung nach etwas zu viel des Guten ist. Hier ist unter anderem in kleinen Zwischenspielen eine sehr laute Akustikgitarre hinten rechts zu hören. Diese war auch im Originalmix schon sehr präsent, aber Steven Wilson scheint hier nochmal eine Schippe an Lautheit drauf geschlagen zu haben, die nun die restlichen Lautsprecher völlig übertönt. Das sind aber vielleicht insgesamt zehn Sekunden von knapp 40 Minuten, die nicht perfekt klingen. Schwamm drüber.

Wertung: 96 %


Vorhandene Tonformate:
DTS 96/24 5.1
Dolby Digital 5.1

Album starten:

Um das Album in Surroundsound zu hören, müssen einige Vorkehrungen getroffen werden. Nach etwa 10 Sekunden Vorspann bringt das Drücken der Entertaste nur Stereo ans Tageslicht. Mit der Audiotaste auf der Fernbedienung kann man während der ersten Takte von Narnia mit einem Druck auf DTS schalten. Über das Menü muss man folgende Tastenkombination anwenden:

LEFT > ENTER > DOWN > ENTER > ENTER

LEFT > ENTER

DOWN > ENTER > ENTER

Abwertung: -1,5 %


Bonusmaterial:

Die PREMONITIONS Box enthält alle sechs Steve Hackett Alben bis 1983 und unzählige Livemitschnitte auf insgesamt 10 CDs. Zudem bietet die Box noch 4 DVDs. Hier sind die Surround Mixe zu PLEASE DON’T TOUCH und SPECTRAL MORNINGS zu finden. Auch von seinem Debut Album VOYAGE OF THE ACOLYTE und DEFECTOR von 1980 gibt es einen Surroundmix, allerdings sind dies nur Upmixe, da die Orginalbänder nicht gefunden wurden. Abgerundet wird das Ganze mit einem beiligenden Buch.

Aufwertung: +2 %


Anspieltipp:

Hoping Love Will Last


Fazit:

Der Surroundmix ist eines tollen Albums würdig. Ein Traum wurde wahr!

Pros / Cons:
+ Ein ausgezeichneter Surround Mix
+ sehr guter Klang
+ viel Bonusmaterial in der Premonitions-Box (+2 %)
– muss im Menü oder per Audiotaste auf Surround umgeschaltet werden (-1,5 %)

 

 

GESAMTWERTUNG: 96 %

Erläuterungen zur Bewertung

Verfügbarkeit:

Premonitions BOX: Nur knapp 3 Jahre nach Erscheinen ist der Wert der Box stark in die Höhe gestiegen: 300-600 Euro sind jetzt die Preise (vorher ca 130 €).

CD/DVD: Die gute Nachricht: Please Don’t Touch gibt es auch als Doppel-CD mit DVD Set, auf der sich der Surroundmix befindet. Die noch bessere Nachricht: Der Preis: 10-12 Euro!


Stand: 20.12.2018

 


Links:

Offizielle Webseite von Steve Hackett

 

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