Marillion – Marillion.com
Erscheinungsjahr 1999 | Blu-ray Disc | Progressive Rock
Springen zu: Musik | Surroundmix | Albumstart | Bonusmaterial | Fazit | Verfügbarkeit
Mit MARILLION.COM geht Marillion Ende der 90er Jahre erneut einen etwas anderen Weg. Schon der Titel verweist auf das damals noch vergleichsweise junge Neuland des Internets und die Website der Band, über die Marillion zunehmend den direkten Kontakt zu ihren Fans suchten. Auch musikalisch zeigt sich die Band weiterhin experimentierfreudig und entfernt sich noch ein Stück weiter von den ausufernden Prog-Strukturen früherer Jahre.
Aufgenommen wurde das Album zwischen Dezember 1998 und August 1999 im bandeigenen Racket Club in Aylesbury. Marillion produzierte das Album selbst, bei fünf der neun Stücke übernahm Steven Wilson von Porcupine Tree das zusätzliche Mixing. Auch beim Cover bezog die Band ihre Fans ein: Für das Mosaik der Slipcase-Ausgabe wurden 732 eingesandte Passfotos verwendet. MARILLION.COM ist damit nicht nur musikalisch, sondern auch in seiner Entstehung eng mit der zunehmenden Vernetzung der Band und ihrer Anhängerschaft verbunden.
Kommerziell konnte das Album allerdings nicht an frühere Erfolge anknüpfen. In Großbritannien erreichte es lediglich Platz 53 und blieb nur eine Woche in den Charts. In Deutschland sah es mit Platz 10 deutlich besser aus. Rückblickend ist MARILLION.COM vor allem als ein Album interessant, das die Band in einer Übergangsphase zeigt – musikalisch ebenso wie im Verhältnis zu ihren Fans und zur sich gerade verändernden Musikindustrie. Im Juni erschien davon eine Mediabook-Ausgabe mit drei CDs und einer Blu-ray mit einem neuen 5.1-Mix von Michael Hunter.

Tracklist:
1 A Legacy – 6:16
2 Deserve – 4:23
3 Go! – 6:11
4 Rich – 5:43
5 Enlightened – 4:59
6 Built-in Bastard Radar – 4:52
7 Tumble Down the Years – 4:33
8 Interior Lulu – 15:14
9 House – 10:15
Gesamtdauer: 62:33
Auf MARILLION.COM klingt Marillion deutlich kompakter und direkter als auf vielen früheren Alben. Die Band bewegt sich zwischen Neo-Prog und Alternative Rock, wobei Steve Rotherys Gitarre und Mark Kellys Keyboards weiterhin die Klanglandschaft prägen, aber weniger auf virtuose Momente als auf Atmosphäre und Dynamik setzen. Steve Hogarths Gesang steht häufig weit vorne und reicht von zurückhaltenden, beinahe gesprochenen Passagen bis zu den für ihn typischen emotionalen Ausbrüchen.
Gleichzeitig hat die Band ihre elektronische Seite weiter ausgebaut. Samples, Loops und elektronische Texturen werden teilweise sehr subtil eingesetzt, treten bei House, welches mit seinen deutlichen Trip-Hop-Anleihen an Massive Attack erinnert, aber auch wesentlich stärker in den Vordergrund. Dadurch entsteht ein modernerer und stellenweise etwas kühlerer Sound. Gerade die Mischung aus atmosphärischem Rock, elektronischen Elementen und den weiterhin ausladenden Klangflächen macht das Album zu einem interessanten Zwischenstand in der Entwicklung der Band.
Wertung: 87 %
Besetzung:
Steve Hogarth – vocals, piano, percussion
Steve Rothery – guitars
Mark Kelly – keyboards
Pete Trewavas – bass, additional guitar, backing vocals
Ian Mosley – drums, percussion
Ben Castle – saxophone
Neil Yates – trumpet
Andy Rotherham – hand-clapping
Beim Surroundmix von MARILLION.COM gibt es zunächst einen kleinen vermeintlichen Wermutstropfen: Den Mix hat wieder Michael Hunter erstellt. Dabei wäre Steven Wilson natürlich ein naheliegender Kandidat gewesen, hatte er doch seinerzeit den Großteil des Albums abgemischt. Die übrigen Stereomixe stammen übrigens von Nick Davis, der ebenfalls kein Unbekannter im Mischen in Surround ist. Warum Wilson den Surroundmix nicht übernommen hat, lässt sich nur vermuten: Vielleicht war er schlicht nicht verfügbar oder für die mittlerweile außerhalb von Parlophone veröffentlichten Marillion-Alben aus der EMI-Zeit zu teuer. Wie dem auch sei: Hunters Arbeit überrascht dann doch positiv, denn der Mix ist deutlich räumlicher ausgefallen als seine bisherigen Versuche.
Schon der Einstieg in A Legacy macht klar, dass hier einiges im Raum passiert. Während Gesang, Bass und Schlagzeug überwiegend vorne bleiben, werden Gitarren, Keyboards und zusätzliche Sounds auch in die hinteren Kanäle gelegt. Gerade die vielen zusätzlichen Schichten, die bei einem ersten Hören des Stereomixes teilweise etwas untergehen, lassen sich dadurch besser voneinander unterscheiden. Dazu kommen immer wieder schöne Details wie die weit im Raum platzierte Orgel oder das Clavichord. Im Mittelteil wird auch der Gesang auf Front und Rear verteilt, bevor das Stück mit einer Akustikgitarre im hinteren Bereich ausklingt. Ein gelungenes Beispiel dafür, wie man aus dem teilweise recht dichten Marillion-Sound mehr Räumlichkeit herausholen kann.
Das zieht sich eigentlich durch das gesamte Album. Gitarren werden häufig zwischen vorne und hinten verteilt, Keyboards und Synthesizer tauchen ebenfalls in den hinteren Kanälen auf und auch elektronische Effekte bekommen ihren eigenen Platz. Besonders schön funktioniert das bei Interior Lulu, wo Hunter regelrecht mit den verschiedenen Ebenen spielt. Zum Teil erklingt der Leadgesang hinten, Synthesizer und Keyboards verteilen sich über den Raum und selbst ein Gitarren- oder Orgelsolo wird nicht einfach nur stumpf nach hinten gelegt, sondern teilweise durch den Raum bewegt. Das wirkt stellenweise schon ziemlich psychedelisch und gehört für mich zu den gelungensten Momenten des Mixes.
Überhaupt sind die vielen kleinen Schichten eine der großen Stärken dieses Surroundmixes. Gerade bei einem Album wie MARILLION.COM, das ohnehin mit Samples, elektronischen Texturen und zahlreichen übereinandergelegten Gitarren- und Keyboardspuren arbeitet, gibt es genügend Material, das sich im Raum verteilen lässt. Dabei bleibt das Fundament der Band allerdings fast immer vorne. Schlagzeug und Bass bilden zusammen mit dem Leadgesang das Zentrum, während die hinteren Kanäle hauptsächlich für zusätzliche Instrumente, Effekte, Chöre und zweite Gesangsstimmen genutzt werden. Hinzu kommt, dass der Gesamtklang schön druckvoll ist.
Insgesamt ist der 5.1-Mix von MARILLION.COM für mich aber eine ziemliche Überraschung. Nachdem mich Michael Hunters bisherige Marillion-Surroundmixe eher selten vom Hocker gehauen haben, zeigt er hier, dass er durchaus einen sehr schönen und vor allem abwechslungsreichen Mehrkanalmix hinbekommt. Der Raum wird wesentlich stärker genutzt, als ich es erwartet hätte, und gerade die zahlreichen elektronischen und gitarrenlastigen Nebenspuren bekommen dadurch deutlich mehr Aufmerksamkeit. Steven Wilson wäre zwar sicherlich eine spannende Alternative gewesen, aber vermissen muss ich ihn nach diesem Mix dann doch nicht ganz so sehr.
Wertung: 90 %
Vorhandene Tonformate:
DTS HD Master 5.1
LPCM 96/24 2.0
Das Album startet in Stereo. Umschalten kann man entweder über die Audiotaste auf der Fernbedienung oder vorher übers Menü: ENTER > DOWN > ENTER > ENTER
Abwertung: – 1 %
Das Set enthält neben der Blu-Ray noch 3 CDs, auf denen sich das Album und ein Konzertmitschnitt befindet. Auf der Blu-ray befinden sich noch unzählige Jams und Early Versions der Stücke, die schließlich auf dem Album gelandet sind. Ein längeres Interview mit der Band (40 min) und ein weiterer Konzertmitschnitt (mit Bild) dürfen natürlich auch nicht fehlen.
Aufwertung: + 3 %
Anspieltipp:
Interior Lulu
Keine Frage, der bisher beste Mix von Michael Hunter.
Pros / Cons:
+ überraschend guter Surroundmix von Michael Hunter
+ High Resolution (+1 %)
+ viel Bonuscontent (+3 %)
– Man muss auf Surround umschalten (-1 %)
GESAMTWERTUNG: 92 %
Erläuterungen zur Bewertung
Blu-ray: Die Box ist frisch auf dem Markt und sollte ohne Probleme zu bekommen sein. Aktuell für unter 40 Euro erhältlich.
Stand: 13.09.2026
Links:
Offizielle Seite von Marillion