Tangerine Dream – Oedipus Tyrannus


Erscheinungsjahr 2019 (Aufnahme 1975) | Blu-ray Disc | Electronic

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Es gibt sie. Musikalben, die irgendwann mal komponiert und eingespielt und am Ende doch nicht veröffentlicht wurden. Dies kann viele Gründe haben. Der Künstler oder die Band waren mit dem Endresultat nicht zufrieden, die Plattenfirma fand das Material zu dürftig, oder es lag schlichtweg an rechtlichen Problemen, weil zum Beispiel Gastmusiker von ihrem eigenen Label keine Erlaubnis bekommen haben, wo anders ihre Fertigkeiten zu zeigen.

Und dann passiert es manchmal, dass solche Alben nach vielen Jahren dann doch plötzlich aus dem Giftschrank kommen und veröffentlicht werden. Wie zum Beispiel Hitchhiker von Neil Young, welches vor drei Jahren nach 40 Jahren dann doch ans Tageslicht kam. Oder eben OEDIPUS TYRANNUS von Tangerine Dream, welches nun hier besprochen wird.

OEDIPUS TYRANNUS hat fast 45 Jahre auf seine Veröffentlichung gewartet und war im letzten Jahr Bestandteil der üppigen Box In Search Of Hades. Das Boxset, welches die Band in den Jahren zwischen 1973 und 1979 repräsentiert, enthält Surroundmixe von insgesamt drei Alben. Von den restlichen Alben wurden die Mastertapes nicht gefunden, interessanter Weise aber vom nie veröffentlichten Album OEDIPUS TYRANNUS. Den finalen Mix der Aufnahmen erstellte schließlich Steven Wilson, der sich auch nicht nehmen ließ, dass Werk in Raumklang abzumischen.

Kurz nach der Veröffentlichung ihres Albums Phaedra erhielten Tangerine Dream das Angebot den Soundtrack für ein Theaterstück zu schreiben. Einige Tage bevor es durch England auf Tour ging, nahm die Band etwa 75 Minuten an Musik auf. Obwohl es als Nachfolger von Phaedra veröffentlicht werden sollte, entschied die Band, dass das Album nicht gut genug wäre und nahm stattdessen Rubycon auf. OEDIPUS TYRANNUS verschwand von der Bildfläche mit Ausnahme des ersten Stückes Overture, welches auf einem Sampler von Virgin veröffentlicht wurde.


Tracklist:

1 Overture – 10:58
2 Act 1 – 16:42
3 Act 2: Battle – 10:05
4 Act 2: Baroque – 8:53
5 Act 2: Zeus – 5:39
6 Act 3 – 22:08

Gesamtdauer: 74:43


Die Musik:

Obwohl nach Phaedra aufgenommen, klingt das Album eher wie ein fehlendes Bindeglied zu den ersten vier Alben, welche zwischen 1970 und 1973 auf dem damaligen Ohr Label veröffentlicht wurden. Hier fehlen fast durchgehend die hypnotischen Rhythmen, die Phaedra so einzigartig gemacht haben. Dafür gibt es hier schon die mystischen Harmonien, die es in dieser melodiösen Form auf den ersten Alben noch nicht gab. Vermutlich ist genau das der Grund, warum OEDIPUS TYRANNUS dann auch nicht veröffentlicht wurde und Tangerine Dream mit dem Resultat nicht zufrieden war. Sie sahen es schlichtweg als Rückschritt an.

Was man hier zu hören bekommt ist ein eher ruhiges Album, das eher an ein plötzliches Auftauchen von Möbelstücken im Raum erinnert, als Musik die von A nach B fließt. Es tut sich nicht viel, hier und da tauchen Sounds und dezente Melodien auf, um wenig später wieder zu verschwinden. Es baut sich eine mystische Stimmung auf, aber eine Dramaturgie fehlt. Aus dem Grund hat man manchmal mit Längen zu kämpfen.

Aber es gibt Ausnahmen. Act 2: Battle ist ein sehr rhythmisches Stück, was man schon am Titel erahnen kann und klingt mit seiner Art schon stark nach der Musik, die in den 90ern die Massen auf der Tanzfläche in Trance zum Zappeln brachte. Anno 1975.

OEDIPUS TYRANNUS hat zudem einige Fragmente, die Tangerine Dream auf späteren Alben wiederverwertet haben, unter anderem auf dem Livealbum Encore, wo man sich fragen kann, ob sie es damals nachgespielt haben, oder einfach eine Bandmaschine mit der Aufnahme laufen ließen.

Wertung: 77 %


Besetzung:

 Edgar Froese – mellotron, VCS 3 synthesizer
Chris Franke – moog synthesizer, VCS 3 synthesizer, keyboards
Peter Baumann – organ, electric piano, VCS 3 synthesizer, flute


Der Surroundmix:

Ich habe ja schon mal darauf hingewiesen, dass Abmischungen in Surround Sound durchaus einer Grundstruktur folgen, die fast bei allen Mixen eingehalten wird. Der Gesang kommt meistens aus den vorderen Kanälen. Auch der Bass und das Schlagzeug sind meist ebenfalls dort zu finden, sodass sich der Hörer schnell in einem Musikstück mit Raumklang zurechtfinden kann. Sie bilden eine Grundebene und alles andere an Instrumenten kann dann mehr oder weniger diskret im Raum hinzugemischt werden.

Aber was tut man, wenn es keinen Gesang, kein Schlagzeug und keinen Bass in den Aufnahmen gibt und erst recht keine Melodien? Hier gelten keine Regeln, denn hier gibt es nur Klänge und da spielt es keine Rolle, wo die her kommen oder im Raum positioniert werden. Genau das hat Steven Wilson erkannt und hat hier einen Surround Mix kreiert, bei dem es völlig egal ist, wo vorne, hinten und links und rechts ist. Für mich vielleicht der erste Mix in Surround, den man als „Freemix“ bezeichnen könnte. Keine Regeln, keine Konventionen. Es ist eigentlich auch egal, wo man dann sitzt. Hier passt der Gedanke, dass musikalische Geräusche akustische Möbelstücke im Raum sind, perfekt.

Der Surround Mix zu Phaedra war dagegen fast schon konventionell. Denn Phaedra hatte hypnotische Bassrhythmen, die vorne platziert waren. Die fehlen bis auf wenige Minuten bei OEDIPUS TYRANNUS vollständig. Hier tauchen Geräusche flächendeckend im gesamten Raum auf, verschwinden wieder, bewegen sich von A nach B und so weiter. Der Begriff Klanglandschaft passt hier perfekt, zudem klingt das Auftauchen und Verschwinden sehr organisch. Ich habe beim Hören zudem nie das Gefühl, dass die Musik aus Lautsprechern kommt. Sie ist einfach da. Sehr beeindruckend.

Das Stück Act 2: Baroque dürfte das Stück sein, welches auf dem Album den größten Melodieanteil hat. Der Beginn kommt schon sehr nah an den Namen des Titels heran. Es klingt ein wenig, wie ein Stück von Bach. Hinzu kommen später unzählige Flötensounds, die wieder im gesamten Raum platziert sind. Minimal kommt mir hier der Klang etwas schwächer vor, als bei den anderen Stücken.

Wertung: 99 %


Vorhandene Tonformate:
DTS 5.1  96/24
LPCM 96/24 5.1
 

Album starten:

Auf der ersten Blu-ray der Box In Search of Hades gibt es zwei Alben in Surround: Phaedra und das bisher unveröffentlichte OEDIPUS TYRANNUS. Bei Phaedra genügte das Drücken der Entertaste. Bei OEDIPUS TYRANNUS muss man dagegen etwas im Menü navigieren: UP > UP > UP > ENTER

UP > UP > UP > ENTER

Abwertung: -3 %


Bonusmaterial:

Die Box In Search of Hades beinhaltet die Alben der Jahre 1974-1979, Unmengen an nicht veröffentlichtem Material, drei Alben in Surround Sound und zwei längere TV-Sendungen aus den 70ern. Da das alles Bestandteil einer recht teuren, üppigen Box ist, ist das strenggenommen kein Bonuscontent zu einem Album in Surround Sound. Aus dem Grund keine Zusatzpunkte.

 


Anspieltipp:

Act 2. Battle


Fazit:

Ein echter „Freemix“!

Pros / Cons:
+ Fantastischer Surroundmix, völlig losgelöst von Raum und Zeit
+ nach 45 Jahren endlich veröffentlicht
+ High Resolution (+1 %)
– Musikalisch aber ein Rückschritt und mit einigen Längen
– Menünavigation notwendig (-3 %)

 

GESAMTWERTUNG: 91 %

Erläuterungen zur Bewertung

Verfügbarkeit:

Boxset mit Blu-rays: Die Box in Search of Hades ist noch im Handel und kostet ca. 160 Euro. Es gibt Gerüchte, dass die einzelnen Alben zu einem späteren Zeitpunkt auch als Einzel-Ausgaben erscheinen. Ob da auch der Surroundmix enthalten ist, ist allerdings etwas spekulativ.

Stand: 04.02.2020

 


Links:

Offizielle Seite von Tangerine Dream

 

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