Porcupine Tree – The Incident


Erscheinungsjahr 2009 / 2010 | DVD-Video / DVD-Audio | Progressive Rock

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Von Mike W. K.

Das Ereignis (oder Zwischenfall). Ein verregneter Tag ist ideal, um das Album in Ruhe anzuhören. Genau das habe ich getan.

Dieses großartige Album ist das letzte Studioalbum, welches Porcupine Tree veröffentlicht haben. THE INCIDENT enthält einen 14-teiligen, zusammenhängenden Songzyklus und vier weitere Songs. Die Band habe ich 2009 in Stuttgart gesehen, dort haben sie den kompletten Songzyklus live gespielt, ein weiteres Mal habe ich sie 2010 in Karlsruhe sehen können, mit einem anderen Programm, z.B. haben sie mit Even Less in der Langfassung begonnen und viele Teile, aber eben nicht alle von ihrem damals aktuellen Album gespielt.

Es ist schade, dass dies (hoffentlich nicht endgültig) das letzte Album ist. Die Zusammenarbeit, insbesondere mit dem kreativen „rhythmic designer“ Gavin Harrison, finde ich außerordentlich gut. Ich habe beide 5.1 Ausgaben, einmal die Deluxe Box von Roadrunner Records, die eine DVD-Video mit DTS 5.1 und PCM Stereo enthält, sowie die einzelne DVD-Audio von Transmission Recordings, welche das von mir bevorzugte unkomprimierte Audiomaterial enthält. Das war der Grund, warum ich beides gekauft habe. Mit Sicherheit habe ich damals einen normalen Preis bezahlt und nicht diese abartigen Sammlerpreise, die bezahlt werden müssen, falls man es verpasst hat, das derzeit vergriffene Album zum richtigen Zeitpunkt käuflich zu erwerben. Warum allerdings diese hochauflösenden Surroundmixe nicht als bezahlter Download (z.B. FLAC Format) angeboten werden, sondern oftmals irgendwo einmal wieder vergammeln, ist mir nicht klar. Nur weil gerade Vinyl oder Spotify angesagt sind? Hier mein Appell an die Plattenfirmen: Wenn ihr schon kein Reissue macht, dann verkauft das wenigstens als Download. Die Künstler haben nichts von den Sammlerpreisen. Und sie können alle Einnahmen gebrauchen, zumal die, die keine Mainstreammusik machen. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen sie nicht einmal live auftreten können, ist das um so wichtiger. Mit Spotify werden die nicht reich.

Porcupine Tree The Incident 5.1 Surround Mix DVD Audio

Zurück zum Album: Die DVD-A (Bild oben) enthält ein 16-seitiges Booklet mit Lyrics, Bildern und Credits und wurde 2010 veröffentlicht. Das Menü und teilweise der visuelle Inhalt ist anders, als die Roadrunner Records DVD-V auf der Deluxe Box. D.h. die Video-Teile sind gleich, der DVD-Audioteil visuell möglicherweise leicht verschieden. Die große Box von 2009 (Bilder unten) hingegen hat ein dickes, 116-seitiges Buch im LP-Format in Leinen gebunden. Es ist wunderschön gestaltet von der „üblichen“ Mannschaft, d.h. Lasse Hoile und Carl Glover (for aleph). Außerdem ist ein weiteres, großes 48-seitiges Booklet mit sehr modernen Zeichnungen von Hajo Müller vorhanden, neben den drei Datenträgern (zwei CDs, eine DVD-Video), die im Hardcover Buch zu finden sind. Das Ganze ist hochwertig und zusammen in einem stabilen Pappschuber untergebracht.

Porcupine Tree The Incident Deluxe Edition


Tracklist:

 i – occam’s razor – 1:56
ii – the blind house – 5:47
iii – great expectations – 1:26
iv – kneel and disconnect – 2:03
v – drawing the line – 4:43
vi – the incident – 5:20
vii – your unpleasant family – 1:48
viii – the yellow windows of the evening train – 2:00
ix – time flies – 11:40
x – degree zero of liberty – 1:45
xi – octane twisted – 5:03
xii – the séance – 2:39
xiii – circle of manias – 2:18
xiv – i drive the hearse – 6:43

15 – flicker – 3:42
16 – bonnie the cat – 5:45
17 – black dahlia – 3:40
18 – remember me lover – 7:34

Video Material / Extras
1 – Time Flies – 5:24
2 – Octane Twisted – 5:09
3 – TV Spot – 0:32
4 – Photo Gallery (Musik: „Flicker“ And „Black Dahlia“ Instrumental) – 7:29

Gesamtdauer: 76:21


Die Musik und der Surroundmix:

i – occam‘s razor
Das Album beginnt gleich erst einmal mit einer vollen E-Gitarrenbreitseite und leitet dann in eine Geräuschkulisse/Atmo in Surround über, die etwas an Nil Recurring (What Happens Now?) erinnert, bevor es mit dem Songzyklus weiter geht.

ii – the blind house
Nach dem Intro (i) geht es dann richtig los. Progmetal vom Feinsten. Es gibt Gitarrenwände und ruhige Passagen im Wechsel. Wilsons Leadvocals sind wie gewohnt im Center, da gehören sie auch hin, das Schlagzeug ist vorne, Gitarren und auch Drumfills sind immer wieder geschmackvoll schön verteilt, so wie der Chorgesang und die Texturen vom Synthi. Der Drumloop gegen Ende ist auch großartig im Raum verteilt, das macht es noch einmal interessanter. Was für ein Einstieg in ein großartiges Album.

iii – great expectations
Steven singt im Center und wird von akustischen Gitarren im Surround begleitet. Gavin Harrisons Schlagzeug ist vorne und die Bassdrum wird gut durch den Subwoofer unterstützt.

iv – kneel and disconnect
Fließend geht es über in kneel and disconnect. Ich kann zunächst gar nichts über die Verteilung der Instrumente Klavier und akustischen Gitarren sagen, denn sie sind sehr schön räumlich. Aber der Chorgesang ist wunderbar auf alle Lautsprecher verteilt.

v –  drawing the line
Wieder fließend geht es über in den nächsten Song. Auffällig gut empfinde ich den Mix des Schlagzeugs im Surroundfeld. Die Toms sind seitlich, also säße man mitten im Drumset drin. Gavin spielt wunderbare Ghostnotes auf der Snare Drum, die Dank des gutes Mixes und dem exzellenten Sound auch gut hörbar sind. Der Chorus „I’m drawing the line“ ist gut mit dem Schlagzeug phrasiert. Es groovt richtig. Ebenfalls abwechslungsreich ist das Gitarrensolo, welches im Outro hinten zu hören ist.

vi. the incident
Das „Ereignis“ selbst beginnt mit sehr viel Elektronik und gesprochenem Wort und wird dann von sehr tiefen „heavy“ Gitarrenriffs unterstützt, die eine ausgesprochene düstere Atmo erzeugen. Die Synthesizertexturen machen das Ganze noch viel schwerer, wie es ohnehin schon ist. Aber genau darum geht bei dem „Ereignis“ – ein Autounfall. Das längere Outro wird wieder etwas versöhnlicher.

vii – your unpleasant family
…smashed up my car = …hat mein Auto geschrottet. Warum kommt das gleich nach dem Autounfall? Das passt irgendwie. Hier ist vor allem der schöne Basslauf zu erwähnen.

viii – the yellow winds of the evening train
Pro Song gibt es jeweils ein Bild auf dem TV zu sehen, hier zeigt es passend zum Titel einen Zug im gelben Licht der Abendsonne. Ein ruhiges Instrumental vor dem nachfolgendem „longtrack“.

ix – time flies
Ja sofort erinnert mich dieser Song an Pink Floyds Animals, genauer den Song „Dogs“ daraus, was an den akustischen Gitarren (überall und stark im Surround) und deren Spielweise liegt. Eine Hommage an Pink Floyd. Warum nicht? Und warum wurde Animals eigentlich noch nicht in 5.1 veröffentlicht? Ein anderes Thema…
Das Bild im TV zeigt zwei kleine Jungs am Strand. Sind das Steven und sein Bruder Roger? Ich weiß es nicht. Der Song selbst mit reichlich Instrumenten arrangiert und eine wunderbare progressive Rocknummer. Und was den Text betrifft, ja, die Zeit verfliegt im Nu.
Es gibt ab ca. 3:48 einen ruhigen Mittelteil, der sehr atmosphärisch klingt. Auch das erinnert an Pink Floyd. Das darf es auch, denn auch diese Band hat unglaublich tolle Alben gemacht. Ab 5:43 setzt das Schlagzeug wieder ein und Texturen aus dem Surround gehen fließend über in ein ausgedehntes Gitarrensolo, das im Center wiedergegeben wird. Das ist eins der besten Soli, das Wilson je gespielt hat. Ab 8:07 geht es wieder weiter mit der letzten Strophe. Das Outro wird durch Effektgitarren + Texturen vorwiegend im Surround und durch eine akustische Gitarre im Center geprägt. Definitiv ein Anspieltipp!

x – degree zero of liberty
Mit Akkorden auf tiefen „heavy“ Gitarren beginnt der Song, es ist eine Art Reprise von (i), es gibt wieder die volle Breitseite im Wechsel mit einer einzelnen elektrischen Gitarre im Center bzw. vorne und Texturen im Surround. Das macht Spaß, laut zu hören.

xi – octane twisted
Nach diesem Song wurde das entsprechende Livealbum der Incident Tour benannt, welches u.a. auch in einer Doppel-CD+DVD Version zu haben ist. Die DVD ist ein Dokument, auf welchem Porcupine Tree den ganzen Songzyklus live spielen. Der Song selbst ist eine heavy Nummer ganz im Stil der Vorgängeralben Deadwing und co. Heavy Gitarren, Texturen plus heftiges Schlagzeug. Wer das mal live gesehen hat…! Das hat Spaß gemacht. Ab 4:25 ist die Solo E-Gitarre im Center, welche sich von Sound her weiter entwickelt hat und in späteren Alben wieder zu finden ist.
Der Hall auf der Gitarre ist, wie die Gitarre selbst, in Mono. Steven Wilson hat in einem Interview darüber erzählt, wie und warum er das macht. Davon macht er auf dem Album Storm Corrosion Gebrauch – eine Zusammenarbeit mit Mikael Åkerfeldt von Opeth, die ich noch zu einem späteren Zeitpunkt rezensieren werde.

xii – the seance
Die spiritistische Sitzung wird gut in den Lyrics beschrieben, die Wilson singt. Für mich ist dies das ruhige Intro zum vorletzten Song.

Xiii – circle of manias
… eine instrumentale Progmetal Nummer, mit tief gestimmten Gitarren. Die erinnert etwas an Deadwing. Die Credits geben die ganze Band als Urheber an. Es hört sich an, als würden sie zusammen einmal richtig Dampf ablassen. Großartig!

xiv – i drive the hearse
Ich fahre den Leichenwagen – was auch immer der Titel sagt, jedenfalls ist er das krasse Gegenteil von circle of manias. Zum Text: Given cash they speak the truth – And lying is another way of hoping it will go away…. da liegen Wahrheiten drin. Der Song ist definitiv ein weiterer Anspieltipp und einer der schönsten, die Wilson für PT geschrieben hat. Er ist voller Melancholie, Traurigkeit, Schönheit und sorgt für Gänsehaut. Der Surroundmix tut dem reichhaltigen Arrangement wieder gut, so kommen die akustischen Gitarren im Surround prima zur Geltung, die vielen anderen Instrumente sind sehr gut zu orten und zu vernehmen. Ich mag einfach die diskreten Mixe viel lieber, als nur Hall oder Raumanteile in den Rears zu hören. Auch wenn das einige Engineers für einen Surroundmix empfehlen, wie ich kürzlich in einem Video sah…

Die CD 1 wäre hier zu Ende, aber es folgen noch ein paar weitere Songs, die jedoch nicht zum Zyklus dazugehören und auf CD 2 Platz fanden.

15. flicker
Die Titelanzeige auf der DVD-A hat nun keine römischen Kleinbuchstaben mehr, sondern gar keine Nummer. Wunderbar ist ist der Chorgesang im Surround mit den Effektgitarren, die hin und wieder kreisen. Erneut ist wieder die – ich nenne sie einmal „Mono-Sologitarre“ – im Center, inklusive ihrem Mono Vintagesound Hall. Auch die verspielten Keyboards gefallen mir sehr.

16. bonnie the cat
Der Titel wurde nach einer Katze benannt, die wohl eine Kratzbürste gewesen sein muss. Also so eine Art, die dich kratzt, wenn du sie streicheln willst. Wir nennen so eine Katze „linke Schwester“ (nicht ganz ernst gemeint). Nein, es gab eine Studiokatze des Studios, in dem die Band Aufnahmen gemacht hatte, die hieß Bonnie (Video-Interview „Porcupine Tree – The Incident Track by Track Part 2“). Der Bass ist sehr prägnant im Mix, der auch wieder sehr diskret ist. Der Drumloop kreist um einen herum. Gitarre links, Keyboards rechts, Wilson macht wieder ausgiebig Gebrauch von allen Lautsprechern, was wieder richtig Spaß macht. Eine durchaus düstere heavy Nummer und auch aggressiv, was mit dem Thema des Songs zu tun hat, um das es geht…

17. black dahlia
…ist ein Beitrag von Richard Barbieri, die Lyrics stammen von Steven Wilson und ist eine schöne Pop/Rocknummer. Den vielen Keyboards tut der 5.1 Mix gut, dadurch kommen wieder die vielen Elemente des Arrangements gut zur Geltung.

18. remember me lover
Der letzte Song hat schon etwas vom Sound von Wilsons erstem Soloalbum Insurgentes, welches auch noch besprochen werden wird. Es beginnt melodisch und ruhig mit Flächen und Sologesang recht trocken im Center. Ab dem Chorus macht der Song auf und geht in die Breite. Im zweiten Drittel wird es rockiger im Wechsel mit ruhigen Passagen und schönen Synthi-Texturen. Dieser Song hätte wirklich auch sehr gut auf Insurgentes gepasst, sowohl vom Stil, als auch vom Sound.

Das Album wurde in Stereo und 5.1 von Steven Wilson gemischt. 2010 wurde es Grammy nominiert (Kategorie Best Surround Sound Album). Das kann man hören. Ich habe nahezu keine Abstriche zu machen. Klare Sache: Kaufen, wenn es denn zu kaufen wäre.

Wertung: Musik: 95 % / Mix und Sound: 98 %


Besetzung:

Richard Barbieri – Synthesizer, Keyboards
Colin Edwin – Bass Guitar, Kontrabass
Gavin Harrison – Drums, Percussion
Steven Wilson – Vocals, Guitar, Keyboards

Gäste:
John Wesley – Guitar (iii)


Der Sound:

Ein Doppelalbum in ausgezeichneter Soundqualität. Die Dynamic-Range Database listet das Werk mit DR 11. Gut!


Vorhandene Tonformate:
DVD-Audio:
MLP 5.1 48/24 (DVD-Audio)
MLP 2.0 96/24 (DVD-Audio)
DTS 5.1 48/24 (DVD-Video)
PCM 2.0 48/24 (DVD-Video)
Deluxe-Box mit DVD:
DTS 5.1 48/24 (DVD-Video)
PCM 2.0 48/24 (DVD-Video)

Album starten:

Einlegen, kurz warten und Enter (oder Play). Surround ist voreingestellt. Das passt!


Bonusmaterial:

Es gibt zwei schöne Videos in DTS 5.1 (voreingestellt) und PCM. Time Flies und die Animation von Octane Twisted mit Figuren aus Schrauben und Metall. Solche Videos gab es zur Deadwingzeit auch schon („Start Of Something Beautiful“). Künstlerisch sehr schön gemacht! Es gibt noch ein TV-Spot, Galerie mit Bildern und Credits.

Aufwertung: + 2 %


Anspieltipp:

Time Flies, I Drive The Hearse


Fazit:

Pros / Cons:
+ Erneut ein exzellenter Surroundmix, Grammy nominiert.
+ Bonusmaterial, eine Bonus EP (+2%)
+ High-Res Surround 24bit (+1%)
– vergriffen

 

GESAMTWERTUNG: 100 %

Erläuterungen zur Bewertung

Verfügbarkeit:

DVD-A: Die DVD-A gibt es gebraucht ab 40 EUR.

Deluxe-Box mit DVD:  Die Box mit der DVD-V ist gebraucht für 50-60 EUR zu haben.

Stand: 25.10.2020

 


Links:

Webseite von Porcupine Tree

 

2 Gedanken zu „Porcupine Tree – The Incident

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