Björk – Medúlla
Erscheinungsjahr 2004 | SACD / DVD-Audio (5.1) / Streaming (Dolby Atmos) | Avantgarde Pop
Springen zu: Musik | 5.1-Mix | Dolby Atmos | Albumstart | Bonusmaterial | Fazit | Verfügbarkeit
Die ersten vier Studioalben von Björk waren recht erfolgreich und gingen richtig gut ins Ohr. Es war schon etwas eigenwillige elektronische Musik der kleinen Isländerin, die aber zum Großteil tolle Melodien enthielt und auch immer wieder mal im Radio oder auf den Musikvideo-TV-Stationen gespielt wurden.
2004 veröffentlichte Björk mit MEDÚLLA ihr fünftes Album, mit dem sie eine weitaus avantgardistischere Richtung einschlug. Diese hat sie bis heute beibehalten. Musikalisch erschließt sich einem dabei kaum etwas beim ersten oder generell oberflächlichen Hördurchgang. Beim Hören von Björks Musik wird man regelrecht gefordert und zum Teil auch vor den Kopf gestoßen. Trotzdem gelingt es ihr, sich mit jedem neuen Album quasi neu zu erfinden und andererseits doch typisch nach Björk zu klingen.
MEDÚLLA unterscheidet sich von den vorangegangenen Alben dadurch, dass Björk den Fokus nahezu vollständig auf die menschliche Stimme als Klangquelle legt. Nach dem stark elektronisch geprägten und verträumten VESPERTINE suchte sie bewusst nach einem Gegenentwurf und entwickelte die Idee, ein Album zu erschaffen, das fast ausschließlich aus vokalen Elementen besteht. Statt klassischer Instrumentierung kommen Beatboxing, Chöre, Kehlgesang und vielschichtige Gesangsspuren zum Einsatz, die wie Instrumente arrangiert und geschichtet werden.
Für die Umsetzung arbeitete sie mit einer Vielzahl unterschiedlicher Vokalisten zusammen, darunter Mike Patton, Rahzel oder Tanya Tagaq. Die Aufnahmen entstanden über mehrere Jahre hinweg an verschiedenen Orten und nicht in einem klassischen, abgeschlossenen Studioprozess. Dadurch wirkt das Album weniger wie ein homogen produziertes Werk, sondern eher wie ein Mosaik aus unterschiedlichsten vokalen Ansätzen, die sich um Björks kompositorischen Kern gruppieren.
Seit letztem Jahr sind im Streaming alle Studioalben von Björk in Dolby Atmos aufgetaucht. Bereits vor 20 Jahren wurden alle bisher erschienenen Alben in Surround abgemischt und als „Surrounded“ veröffentlicht. Ich habe bereits etliche davon rezensiert. Auch MEDÚLLA ist damals als SACD und auch als DVD-Audio erschienen. Aus diesem Grund will ich in dieser Rezension sowohl auf den alten 5.1-Mix als auch auf die neue Dolby-Atmos-Abmischung eingehen.

Tracklist:
1 Pleasure Is All Mine – 3:26
2 Show Me Forgiveness – 1:23
3 Where Is the Line – 4:41
4 Vökuró – 3:14
5 Öll Birtan – 1:52
6 Who Is It – 3:57
7 Submarine – 3:13
8 Desired Constellation – 4:55
9 Oceania – 3:24
10 Sonnets / Unrealities XI – 1:59
11 Ancestors – 4:08
12 Mouth’s Cradle – 3:59
13 Miðvikudags – 1:24
14 Triumph of a Heart – 4:04
Gesamtdauer: 45:56
Stilistisch bewegt sich MEDÚLLA weitgehend im Grenzbereich zwischen Pop, Avantgarde und experimenteller Vokalmusik. Klassische Songstrukturen sind zwar noch erkennbar, werden aber häufig durch ungewöhnliche Klangflächen, rhythmische Vokalpattern und abrupte Wechsel aufgebrochen. Viele Stücke wirken weniger wie traditionelle Songs, sondern eher wie klangliche Studien, in denen Stimmen unterschiedliche Funktionen übernehmen – mal als Rhythmusinstrument, mal als harmonisches Fundament oder als geräuschhafte Textur. Gerade diese konsequente Reduktion auf die Stimme sorgt dafür, dass vertraute Hörgewohnheiten kaum greifen.
Auffällig ist zudem die enorme Bandbreite an vokalen Ausdrucksformen. Von klaren, fast schon hymnischen Passagen bis hin zu archaisch wirkendem Kehlgesang oder abstrakten Lautfolgen deckt das Album ein breites Spektrum ab. Dabei entstehen dichte, teils körperlich wirkende Klangräume, die weniger auf eingängige Melodien als auf Atmosphäre und Struktur setzen. Gleichzeitig blitzen immer wieder zugänglichere Momente auf, die als Ankerpunkte dienen und das Album trotz seiner Sperrigkeit zusammenhalten.
Gerade diese ungewöhnlichen Arrangements machen MEDÚLLA für eine Abmischung in Surround bzw. Dolby Atmos spannend. Tatsächlich habe ich mir das Album in Stereo nur wenige Male angehört und es dann schnell wieder beiseitegelegt. Erst als ich mir einige Jahre später die SACD gekauft habe (eher aus Sammelleidenschaft, da sie recht günstig war, als aus echtem Hörinteresse) habe ich das Album zunehmend zu schätzen gelernt.
Wertung: 76 %
Besetzung:
Björk – lead vocals, arrangement, programming, choir arrangement, bass line, bass synth, piano
Tagaq – Inuit throat singing
Mike Patton – vocals
Robert Wyatt – vocals
Rahzel – beatboxing
Shlomo – beatboxing
Dokaka – beatboxing
Gregory Purnhagen – human trombone
The Icelandic Choir – choral vocals
The London Choir – choral vocals
Nico Muhly – piano
Mark Bell – bass synthesizer, programming
Peter Van Hooke – gong
Little Miss Spectra – programming
Matmos – programming
Olivier Alary – programming
Valgeir Sigurdsson – programming
Der 5.1-Surroundmix auf SACD (und DVD-Audio):
Auf dem Album werden etwa 90 % aller hörbaren Sounds durch Stimme und Mund erzeugt, während der restliche Anteil – vorwiegend Elektronik und Synthesizer – bei rund 10 % liegt. Die Grenzen sind dabei jedoch teilweise fließend, da auch Stimmen gelegentlich verfremdet werden und dann verzerrt oder nicht mehr eindeutig menschlich klingen. Als Beispiel wäre hier der flirrende Synthie-Sound in Desired Constellation genannt. Es ist eine bis zur Unkenntlichkeit verfremdete Gesangspassage Björks aus dem Song Hidden Place des vorangegangenen Albums VESPERTINE.
Im Surround-Mix lassen sich die zahlreichen Stimmen sehr gut unterscheiden, da sie äußerst raumfüllend verteilt sind. Egal ob Beatboxing, Kehlgesang, die unterschiedlichen stimmlichen Klangfarben, die Björk ohnehin beherrscht, oder die Chöre – alles ist klar separiert und diskret im Raum platziert.
Auffällig ist, dass Björks Leadgesang nur selten klassisch in der Front zu finden ist. Das war zwar auch auf anderen Surround-Veröffentlichungen von ihr häufig der Fall, doch auf MEDÚLLA wird dieser Ansatz noch konsequenter umgesetzt. In vielen Stücken ist ihre Stimme teilweise weit im Raum nach hinten verlagert, sodass mitunter der Eindruck entsteht, sie befinde sich direkt hinter dem Hörplatz oder sogar „im Kopf“ des Hörers – ein ungewöhnlicher, aber sehr interessanter Effekt.

Auch die Chöre sind meist seitlich und im hinteren Bereich aufgebaut, während die Human Beatbox je nach Stück sowohl vorne als auch hinten positioniert wird. Soundeffekte, ob vokal erzeugt oder synthetisch, bewegen sich teilweise frei durch den Raum. Tatsächlich entsteht dabei gelegentlich der Eindruck, man würde das Album bereits in Atmos hören, da die Abmischung stellenweise erstaunlich modern und dreidimensional wirkt.
Durch die häufige Platzierung des Leadgesangs im hinteren Bereich kann es stellenweise so wirken, als leide die Balance etwas darunter, da sich vieles im Rear-Bereich konzentriert, während die Front vergleichsweise zurückhaltend genutzt wird. Insgesamt fällt das jedoch nur selten negativ ins Gewicht.
Einige Stücke sind deutlich reduzierter arrangiert und wirken entsprechend weniger spektakulär. Desired Constellation ist ein gutes Beispiel dafür. Gerade hier zeigt sich, wie wirkungsvoll auch minimalistische Arrangements im Surround funktionieren, die räumliche Verteilung ist auch hier sehr gelungen. Für mich zählt der Track zu den Highlights des Mixes, ebenso wie das abschließende Stück, bei dem noch einmal das gesamte Spektrum vokaler Möglichkeiten ausgeschöpft wird und das trotz des A-cappella-Ansatzes erstaunlich poppig und tanzbar wirkt.
Wertung: 97 %
Anspieltipp:
Desired Constellation, Triumph of a Heart
Vorhandene Tonformate auf der SACD und DVD-Audio:
DSD 5.1 (SACD)
MLP 5.1 (DVD-Audio)
DTS 5.1 (DVD-Audio)
Dolby Digital 5.1 (DVD-Audio)
Stereo
Die SACD beginnt automatisch mit dem 5.1-Mix (sofern dies in den Einstellungen des Players entsprechend aktiviert wurde). Wie es sich auf der DVD-Audio verhällt, weiß ich nicht.
Es gibt kein Bonusmaterial.
Bewertung SACD Ausgabe:
Pros / Cons:
+ Sehr guter Sound und räumlicher Mix.
+ High Resolution (+1 %)
GESAMTWERTUNG SACD: 92 %
Erläuterungen zur Bewertung

Screenshot Apple Music App
Der Dolby Atmos Mix:
Der 5.1-Mix ist bereits sehr referenzwürdig, der Dolby-Atmos-Mix legt jedoch erwartungsgemäß noch eine deutliche Schippe drauf. Das liegt vor allem an zwei Aspekten. Zum einen an der Einbeziehung der Höhenkanäle. Vor allem verschiedene Chöre, Männer- wie Frauenstimmen, werden breit über den Raum hinweg in den oberen Ebenen verteilt und wirken dabei wie schwebende Klangwolken. Gleichzeitig bleiben sie hervorragend separiert und verlieren sich nicht in einem diffusen Gesamtklang.
Zum anderen wurde Björks Leadgesang deutlich stärker in die Front gezogen. Besonders in den späteren Stücken ist er zudem leicht erhöht positioniert. Das sorgt insgesamt für mehr Klarheit und Präzision. Während im 5.1-Mix der Gesang teilweise sehr weit in den Raum verlagert wurde, was zwar für Immersion sorgte, aber auf Kosten der Ortbarkeit ging, wirkt die Atmos-Abmischung hier deutlich ausgewogener. Dadurch treten die übrigen Stimmen, das Beatboxing und auch die sporadischen elektronischen Elemente noch klarer hervor und gewinnen zusätzlich an Plastizität.
Es ist fast müßig zu erwähnen, dass die Vielzahl an Stimmen, Gesängen sowie menschlichen und verfremdeten Lauten im gesamten Raum verteilt ist und sich bei jedem Hördurchgang neue Details entdecken lassen. Gerade diese permanente Bewegung und Staffelung im Raum macht einen großen Reiz dieser Abmischung aus.
Der Mix bewegt sich damit auf sehr hohem Niveau und kann durchaus als Vorzeigeproduktion gelten, die das Potenzial von Dolby Atmos eindrucksvoll demonstriert. Eigentlich wäre die volle Punktzahl gerechtfertigt, wäre da nicht ein kurzer Moment, der das Gesamtbild minimal trübt. Im zweiten Stück, das im Wesentlichen nur aus Björks Solostimme und etwas Hall besteht, fehlt naturgemäß die räumliche Opulenz. Es wirkt daher fast ein wenig ungerecht, dass ausgerechnet diese reduzierte Passage die Gesamtwertung leicht nach unten zieht.
Wertung Dolby Atmos Mix: 99 %
Anspieltipp in Dolby Atmos:
Vekuró, Ancestors
Beide Mixe sind Referenzwürdig, der Atmos Mix noch mehr!
SACD: Die SACD ist immer noch recht günstig für ca. 15 Euro zu bekommen. z.B. bei JPC. EAN: 5016958061029
DVD-Audio: Auch die DVD-Audio lässt sich noch für einen ähnlichen Preis erwerben. EAN: 5016958061203
STREAMING: Alle Alben von Björk gibt es seit 2025 in Dolby Atmos zu hören. Verfügbar bei Apple Music, Amazon Music und Tidal.
Stand: 26.04.2026
Links:
Offizielle Webseite von Björk