Genesis – Abacab


Erscheinungsjahr 1981 | SACD + DVD | Rock

Springen zu:  Musik  |  Surroundmix  |  Albumstart  |  Bonusmaterial  |  Fazit  |  Verfügbarkeit

Nach dem erfolgreichen Duke-Album im Jahr 1980, womit die Band zum ersten Mal in ihrem Heimatland auf Platz 1 der Albumcharts landete und der anschließenden Tour waren Genesis das erste Mal in der bereits 13 Jahre langen Bandgeschichte nicht mehr in den Miesen. Den Gewinn investierten sie in ihre Unabhängigkeit. Sie kauften einen alten Bauernhof in der Grafschaft Surrey und bauten diesen in ein Tonstudio um. Im Frühjahr 1981 fanden dann die ersten Sessions für das neue Album im The Farm Studio statt. Überschattet wurden diese von dem überraschenden Erfolg des ersten Soloalbums von Phil Collins. Der Schlagzeuger und Sänger hatte zwischenzeitlich seine mehr oder weniger ersten Gehversuche als Songschreiber gemacht und ein eigenes Album aufgenommen.

Während der ersten Aufnahmen auf dem Bauernhof merkte die Band, dass sie sich das erste Mal anfing zu wiederholen. Die neuen Songs fingen an sehr ähnlich zu denen zu werden, die Genesis die letzten Jahre produzierte. So folgte der unweigerliche Schnitt. Alles landete in der Tonne und der Reset Knopf wurde gedrückt. Ein neues Jahrzehnt hatte begonnen und man wollte wieder frisch klingen und nicht wie eine Band, die noch in den 70er Jahren steckte.

Man begann damit, dass man versuchte neue Arbeitsmethoden zu entwickeln. Während früher Tony Banks oder Mike Rutherford fertige Songs mit ins Studio brachten, sollte von nun an vermehrt wieder gemeinsam komponiert werden. Man hatte schließlich jetzt ein eigenes Studio und konnte darin soviel Zeit verbringen, wie man wollte. So begann man gemeinsam einfach lose zu jammen und aus diesen Jams Songs zu entwickeln. Um nicht wieder in alte Muster zu verfallen, sollten diese Songstrukturen simpler werden. Zudem hatte Tony Banks die Idee, dass der Gesang wie ein weiteres Musikinstrument fungieren sollte. Die gesungenen Texte wurden so simpler, um der Stimme nicht wieder zu viel Gewicht zu verleihen.

Entstanden ist das Album ABACAB, welches unter Fans das umstrittenste Werk von Genesis ist. Für die einen ist es der Anfang vom Ende, wo die Briten dem Progressive Rock endgültig den Rücken gekehrt haben. Für die anderen ist es ein Album, auf dem die Band das erste Mal seit The Lamb Lies Down on Broadway wieder experimentierfreudig zu Werke ging.

Im Zuge der zahlreichen Wiederveröffentlichungen von Genesis vor 12 Jahren ist auch ABACAB von Nick Davis in Surround Sound abgemischt worden. Es erschien seinerzeit als Einzelausgabe mit SACD und DVD im Jewel Case und auch in der blauen Box 1976-1982, die alle fünf Studioalben dieser Zeit beinhaltet. Wie man sieht, auch auf dem Cover wurde die neue Marschroute deutlich. Es war sehr simpel und abstrakt gehalten und sollte so auch den Fan „vorwarnen“.


Tracklist:

1 Abacab – 6:58
2 No Reply at All – 4:33
3 Me and Sarah Jane – 6:02
4 Keep It Dark – 4:33
5 Dodo/Lurker – 7:31
6 Who Dunnit? – 3:22
7 Man on the Corner – 4:28
8 Like It or Not – 4:58
9 Another Record – 4:38

Gesamtdauer: 47:10


Die Musik:

Die neue Ausrichtung wird vor allem deutlich am Fehlen jeglicher Akustikgitarren. Romantische Begleitungen auf mehreren 12-Saitigen, wie sie bei Genesis in den 70er Jahren ein Markenzeichen waren, wurden komplett über Bord geworfen. Während Tony Banks zuvor meist Orgel, Mellotron und Klaviersounds einsetzte, herrschten jetzt moderne, meist sehr prägnante Synthesizer-Sounds vor. Verspielte Keyboardsoli gibt es auf ABACAB nicht. Zwar tobt sich Banks wie immer auf seinen Tasteninstrumenten aus, spielt hier aber bewusst einfache Figuren, die wohl jedermann nachspielen könnte. Lediglich auf No Reply At All kann man seine Kreuzhand-Technik heraushören.

Auch das Schlagzeug erhielt auf ABACAB eine Neuorientierung. Collins hatte im Jahr zuvor während der Aufnahmen zu Peter Gabriels drittem Soloalbum einen neuen Schlagzeugsound entdeckt und später auf seinem Soloalbum weiterentwickelt. Der typische 80er Jahre Gated-Reverb-Drumsound machte ABACAB zu einem Album, bei dem der Groove eine entscheidende Rolle spielte. Das zeigt sich auch im Einsatz der Percussions. Auf keinem anderen Genesis Album sind im Hintergrund so viele verschiedene Percussions zu hören, wie auf diesem Album.

Songstrukturen, Instrumentenparts und Melodien wurden simpler. Das alles gipfelte in dem Song Who Dunnit?, der Genesis‘ Antwort auf Punk ist. Über einem simplen Beat (so simpel, dass Mike Rutherford bei Livekonzerten am Schlagzeug saß) spielt Banks die schrägsten Sounds, die sein Prophet V Synthesizer hergeben konnte, während Phil Collins einen eher sinnfreien Text singt (Was it you or was it me, or was it he or she). Bei Fans oft völlig verhasst, liebt vor allem Tony Banks dieses Stück Anarchie. Es hätte nicht viel gefehlt und es wäre als Single veröffentlicht worden.

Zum ersten Mal seit ihrem Debüt-Album, als Produzent Jonathan King im letzten Moment heimlich kitschige Streicher und Bläser über die Songs legte, spielten zudem wieder Gastmusiker auf einem Album mit, zu hören im Song No Reply At All. Bei dem Funk-orientierten Stück wurde die Bläsersektion von Earth, Wind & Fire geborgt, was dazu führte, dass hartgesottene Genesis-Fans diesem Stück wenig Liebe entgegenbrachten.

Mit ABACAB erschufen Genesis ein Werk, welches mehr dem Zeitgeist der damaligen Zeit entsprach. Es hat eine starke Zuwendung zum New Wave hin. Allenfalls die Stücke Dodo/Lurker und Me and Sarah Jane lassen noch erkennen, dass Genesis mal ein Progressive Rock Dinosaurier waren, da hier die Songs noch aus mehr Teilen bestehen als nur aus Strophe und Refrain. Darüber hinaus gibt es Pop, Blues und Funkelemente. Also doch wieder einen Mix verschiedener Musikstile, was wiederum ein Markenzeichen des Progressive Rock ist. Vom Sound her klingt es in sich geschlossen und etwas rotzig frech. Erst mit dem nächsten Album haben Genesis gelernt, wie man ein Album aalglatt produzieren konnte. Ein Album, dass ich ziemlich oft höre, weil es so erfrischend anders und etwas schräg klingt.

Wertung: 87 %


Besetzung:

Tony Banks – keyboards
Phil Collins – drums, vocals
Mike Rutherford – basses, guitars

EWF Horns – horns on „No Reply at All“


Der Surroundmix:

Als ich ABACAB damals das erste Mal in der neuen Abmischung gehört habe, ist mir eins sofort aufgefallen. Alles klang im Vergleich zum Urmix von 1981 viel luftiger und man konnte oft in den Songs kleine Dinge heraushören, die vorher im Mix einfach untergegangen sind. Vor allem Mike Rutherfords Gitarrenparts scheint der Mix gutgetan zu haben. Seine etwas schrägen Riffs in Me and Sarah Jane verfolgt man nun viel aufmerksamer, die man vorher allenfalls nur erahnen konnte.

Der Mix kommt sehr druckvoll daher. Vor allem das Schlagzeug und der Einsatz der tiefen Töne des Basspedals lassen kaum erahnen, dass es sich um eine fast 40 Jahre alte Produktion handelt. Die Keyboards sind sehr häufig in den hinteren Kanälen vorzufinden. Synthesizerteppiche, wie im Titelstück legen sich von hinten über den gesamten Raum. Auch Leadsounds sind meist in der hinteren Hälfte des Raumes anzutreffen. Rutherfords Gitarren sind häufig in die Seiten gelegt und dadurch auch besser hörbar.

Der Gesang folgt oft dem üblichen Schema und ist vorne zu hören, während Hintergrundgesang zumeist aus den Rears kommt. Nick Davis hatte die Genesis Mixe so erstellt, dass aus dem Center-Lautsprecher zumeist nur die Leadvocals zu hören sind. Das gibt der Stimme eine beeindruckende Klarheit. Hier kann es durchaus Spaß machen, wenn man das Ohr direkt an den Center legt und so auch sämtliche leisen Atemgeräusche, Schmatzer und dergleichen des Sängers hört.

Überdurchschnittlich oft kommt der Gesang aber auch aus anderen Lautsprechern. Man hat den Eindruck, dass man die etwas schräge, anarchistische (für Verhältnisse von ehemaligen Private School Schülern) Grundstimmung des Albums auch in den Mix überführen wollte. So kommt der Gesang bei dem seltsamen Me and Sarah Jane im Reggae-Teil plötzlich von rechts. Bei Keep it Dark und Dodo/Lurker gibt es dann Stellen, in denen Phil Collins aus den Rears singt.

Und dann gibt es noch diesen anderen Song, Who Dunnit?. Hier werden alle Konventionen aufgehoben und es tauchen irgendwann im gesamten Raum diverse Stimmen – teilweise verfremdet – auf, scheinen zu schweben, um das Lied noch skurriler erscheinen zu lassen, als es eh schon ist. Dieses Stück hat Nick Davis im Vergleich zum Original ein wenig abgeändert, in dem er gegen Ende weitere hochgepitchte Stimmen eingefügt hat, was ihm ein wenig Kritik unter Fans eingebracht hat. Die Änderung hält sich allerdings in Grenzen und wirkt jetzt auch nicht wirklich störend.

Das Highlight im Surroundmix dürfte der Longtrack Dodo/Lurker sein. Zum Einen hat man im Refrain das Gefühl, dass lediglich Schlagzeug und Bass aus den Frontlautsprechern kommen, während der Rest in den Seiten oder hinten vorzufinden ist. Später beim Einsetzen des äußerst banalen Keyboardsolos gegen Ende wird es dann so richtig klasse. Man findet sich umgeben von gefühlten 100 verschiedene Percussionsounds, die weitläufig im gesamten Raum verteilt sind. Collins musste bei den Aufnahmen wohl Überstunden machen.

Wertung: 96 %


Vorhandene Tonformate:
SACD DSD 5.1
SACD DSD 2.0
CD Audio
DTS 5.1  (96 kHz / 24 bit)
Dolby Digital 5.1

Album starten:

Die SACD lässt sich (sofern man ein SACD kompatibles Gerät hat und dieses so eingestellt hat) automatisch mit dem 5.1 Mix starten. Wer keinen SACD Player sein eigen nennt, kann den Surround-Mix auch von der DVD hören, der da in Dolly Digital und DTS 96/24 vorliegt. Großer Pluspunkt: Das Menü ist so konzipiert, dass man lediglich zweimal Enter drücken muss, um das Album in DTS hören zu können.

 


Bonusmaterial:

Auf der DVD befindet sich neben dem Surroundmix noch ein Interview mit den Bandmitgliedern zur Entstehung des Album, welches aber mit 15 Minuten relativ kurz ausgefallen ist. Außerdem gibt es noch vier Musikvideos, an denen sich der Zahn der Zeit festgebissen hat und das Tour Programm als Bilderschau.

Aufwertung: +1,5 %


Anspieltipp:

Dodo/Lurker


Fazit:

ABACAB hat durch den Surroundmix deutlich hinzugewonnen. Musikalisch die Abkehr vom Progressive Rock. Allerdings hat sich die Band hier extrem weiterentwickelt, also doch progressiv?

Pros / Cons:
+ sehr guter Surroundmix
+ High Resolution (+ 1%)
+ Album lässt sich blind starten
+ Bonusmaterial auf der DVD (+ 1,5%)

 

 

GESAMTWERTUNG: 95 %

Erläuterungen zur Bewertung

Verfügbarkeit:

SACD / DVD: Der 2007 erschienene 5.1 Mix ist out of Print und nur noch für Preise jenseits von ca 50 Euro (gebraucht!) zu bekommen. Die blaue Box mit allen Alben von 1976-1982 kostet gar 500 € und mehr (statt der damaligen 100 €).

Stand: 11.04.2019

 


Links:

It – Genesis Fanclub

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.