Tony Banks – The Fugitive


Erscheinungsjahr 1983 | DVD | Pop-Rock

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Als Genesis 1982 eine Pause einlegte, arbeitete Keyboarder Tony Banks zum einen an dem Soundtrack für den Film The Wicked Lady und zum anderen an seinem zweiten Soloalbum THE FUGITIVE, welches dann im Juni 1983 erschien. Musikalisch deutete THE FUGITIVE an, wohin einige Monate später auch die Reise mit Genesis weitergehen sollte: Vom Progressive Rock der 70er Jahre war kaum mehr was übrig, statt dessen konzentrierte man sich vermehrt auf chartfreundlichen Poprock.

Tony Banks, der sich am liebsten mit ausufernden, längeren und progressiven Stücken und ungewöhnlichen Harmonien beschäftigte, legte mit THE FUGITIVE ein Popalbum hin, welches einige Zeit später eine Blaupause für Nik Kershaws Charterfolge werden sollte. Im Gegensatz zu seinem ersten Soloalbum aus dem Jahr 1979, welches noch deutlich den epischen Genesis-Geist der 70er Jahre atmete, übernahm Banks auf THE FUGITIVE alle Lead Vocals selber. Sein Gesang ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig und klingt wie eine exakte Mischung aus Al Stewart, Alice Cooper, Neil Tennant, Brian Molko und John Lennon. Obwohl Tony Banks wahrlich kein toller Sänger ist, finde ich es schade, dass er auf späteren Soloalben wieder auf Gastsänger zurückgriff (unter anderem auf Nik Kershaw), da seine Stimme durchaus etwas Charisma ausstrahlte. In vorderster Reihe stehen ist jedoch nicht sein Ding und er bleibt lieber schön im Hintergrund.

Erfolgreich wurde Tony Banks mit seinen Soloprojekten nicht, was zum großen Teil daran liegen dürfte, dass er von den ungewöhnlichen Harmonien nicht wirklich ablassen konnte, und somit die Poplieder aus seiner Feder etwas verkopft klingen. THE FUGITIVE erreichte in England Platz 50, was für ihn schon als Erfolg gewertet werden kann. Die späteren Alben landeten gar nicht mehr in den Charts. Daher wird oft scherzhaft Genesis als das eigentliche Soloprojekt von Banks angesehen, da er hier stets musikalisch den Ton angab und nicht die weitaus bekannteren Peter Gabriel und später Phil Collins, wie gerne vermutet wird.

Der vorliegende 5.1 Mix wurde von Nick Davis und Tony Banks erstellt. Beide hatten einige Jahre zuvor auch schon sämtliche Genesis-Alben in Surroundsound abgemischt. Veröffentlicht wurde THE FUGITIVE im schicken Mediabook mit längeren Line Notes zur Entstehungssgeschichte des Albums. Auf dem Label von CD und DVD findet sich statt des damaligen Schriftzugs Charisma, der Name des Labels, welches für dieses Reissue verantwortlich ist: Esoteric Records. So esoterisch ist die Musik darauf aber nicht…


Tracklist:

1 This Is Love – 5:11
2 Man Of Spells – 3:46
3 And The Wheels Keep Turning – 4:48
4 Say You’ll Never Leave Me – 4:32
5 Thirty Three’s – 4:33
6 By You – 4:29
7 At The Edge Of Night – 6:03
8 Charm – 5:27
9 Moving Under – 6:01

10 K2 – 3:59
11 Sometime Never – 3:41

Gesamtdauer: 52:35


Die Musik:

THE FUGITIVE klingt so, wie man sich eine Poprock-Platte Anfang der 80er vorstellt. Es gibt viele Synthesizersounds der damaligen Zeit, Linn Drums und nicht dominierende Gitarren. Kompositorisch machen die Bankssongs hier und da ein paar harmonische Schlenker zu viel, sodass man es hier nicht wirklich mit Ohrwürmern zu tun hat. Zudem ist der Gesang des Tastenmanns durchaus gefällig, aber nichts, was einen aus den Socken haut. Dafür klingt es aber viel persönlicher, als seine späteren Soloalben auf denen er auf Gastsänger zurückgegriffen hatte. Die für Tony Banks typischen epischen Keyboardsoli fehlen gänzlich, dafür finden sich aber zwei instrumentale Songs drauf, die mehr durch ihre Atmosphäre punkten, als durch virtuoses Spiel.

Wertung: 80 %


Besetzung:

Tony Banks – lead vocals and background vocals, keyboards, synth bass, Linn Drum
Daryl Stuermer – lead and rhythm guitars
Mo Foster – bass guitars
Tony Beard – drums and percussion
Steve Gadd – drums and percussion
Andy Duncan – drums


Der Surroundmix:

Was auf dem Datenträger geboten wird, ist ein qualitativ ausgewogener Surroundmix, der schön räumlich klingt und relativ wenige Gimmicks aus den hinteren Kanälen zu bieten hat. Die Musik ist größtenteils sehr transparent abgemischt, man kann jedes Instrument gut raushören und neue Facetten entdecken. Gerade im neuen 5.1-Mix fällt auf, dass das Album gitarrenlastiger ist, als es ein Soloalbum eines Keyboarders vermuten lässt.

Das Album fängt mit der Reggae-Popnummer This is Love an, welches auch die erste Single Auskopplung war. Surroundtechnisch sind hier die Strophen und der Refrain eher unspektakulär, interessant wird es aber dann bei der Bridge, hier entfaltet sich der Song völlig und es kommen aus allen Kanälen diverse Sounds. Zudem klingt das reggaeartige Gitarrenriff schön plastisch. Men Of Spells ist eine etwas eigenartige Ballade mit ungewöhnlichem Schlagzeugspiel des großartigen Steve Gadd. Während Daryl Stuermers singende Gitarre rechts zu vernehmen ist, kommen aus den hinteren Kanälen bisher ungehörte Keyboardklänge. Bei diesem Song fällt auf, dass der Gesang in der zweiten Strophe plötzlich viel trockener und gänzlich ohne Hall auskommt, was ein Verweis auf die Lyrics sein könnte („The enchantment is gone, the ghost disappears, leaving just a tired old man“).

Einen interessanten Effekt liefert auch Say You’ll Never Leave me. Während von vorne eine akustische Gitarre erklingt, hört man in den Rears ein E-Piano, welches bei jedem Takt dezent mal im linken Kanal, mal im rechten Kanal stärker zu vernehmen ist, was an eine tickende Uhr erinnert.

THE FUGITIVE hat zudem zwei Instrumentals zu bieten. Thirty Three’s fängt mit einer Linn Drum (erste digitale Drummachine) an, deren perkussiven Sounds aus allen Richtungen kommen. Das Stück besteht aus zahlreichen Keyboardflächen und klingt sehr atmosphärisch. Zusätzliche Vocoderklänge kommen zunächst aus dem linken, hinteren Lautsprecher, die später anfangen den Hörer zu umkreisen. Das Stück hat zudem einen etwas dramatischeren Teil, der trotz digitaler Synthesizerklänge etwas an Bachs Orgelarbeiten erinnert. Während hier von vorne die Grundmelodie erklingt, kommen aus den hinteren Lautsprechern die tieferen kontrapunktischen Sounds.

Das andere Instrumental ist Charm, welches etwas später, an achter Stelle des Albums kommt. Dieses beginnt mit einem Sound, der fast jedem bekannt sein dürfte, und zwar aus dem Lied „Da Da Da“ der Gruppe Trio. Tony Banks hat hier aber nicht schamlos bei der Neuen Deutschen Welle geklaut, der hier verwendete Rhythmus-Klang ist lediglich das „Rock 1“ Rhythmus-Preset des billigen Casio Keyboards VL-1.  Während dieses Preset zunächst im Center erklingt, wandern Keyboardklänge um den Hörer herum. Mit zunehmender Dauer baut sich der Song im ganzen Raum auf, mal hört man gitarrenähnliche Sounds aus den Rears und dann weitere Gitarren von vorne und man ist überrascht, wie viele Gitarrenspuren Banks Daryl Stuermer erlaubt hat einzuspielen.

By You ist ebenfalls eine Nummer, die sich räumlich mit zunehmender Dauer entfaltet. Hier erklingen die markanten Morsecode-artigen Keyboard-Arpeggios zunächst frontlastig, während sie gegen Ende des Stücks dann aus den hinteren Lautsprechern erklingen.

Zu meinen Lieblingsstücken des Albums gehören die beiden für einen Keyboarder eher rockig daherkommenden Stücke At the Edge of Night und Moving Under, die aber leider beide im 5.1 Mix eher schwachbrüstig und unspektakulär daherkommen. Gerade das Schlagzeug klingt hier merkwürdig dumpf, als würde sich das Schlagzeug hinter einem dicken, schweren Vorhang befinden und alle restlichen Instrumente davor.

Das Album wird von zwei kürzeren Bonustiteln abgeschlossen, die beim Release des Albums B-Seiten zu Singleauskopplungen waren. Surroundtechnisch klingen beide okay, das 5.1-Spektakel hat auf dem Album aber eher vorher stattgefunden.

Wertung: 81 %


Vorhandene Tonformate:
DTS 5.1 (96 kHz / 24 bit)
Dolby Digital 5.1
PCM Stereo (96 kHz / 24 bit)

Album starten:

Man kann das Album einfach per Enter Taste starten, allerdings erklingt es dann in Stereo. Etwas unglücklich, aber zumindest kann man über die Audio-Taste schnell auf DTS umschalten. Alternativ drückt man folgende Kombination im Menü:

DOWN DOWN ENTER DOWN ENTER ENTER

DOWN > DOWN > ENTER

DOWN > ENTER

 

Abwertung: -2%


Bonusmaterial:

Neben den beiden Bonustiteln (die aber auch schon auf früheren CD-Veröffentlichungen Standard waren) gibt es auf der DVD das Musikvideo zu This is Love. Das Lied ist hier zu einem üblen zerstückelten Single Edit degradiert, aber das Video gehört so ziemlich zum skurrilsten, was es in den 80ern an Musikvideos gab. Unter anderem spielt Tony Banks Keyboard in einem schrottreifen, fahrenden Auto, anstatt dieses zu lenken…

Aufwertung: +0,5%


Anspieltipp:

Charm


Fazit:

Im Grunde ein richtig guter Surroundmix, dem allerdings zum Ende hin etwas die Puste ausgeht.

Pros / Cons:
+ guter Surroundmix
– gegen Ende klanglich etwas schwächer
– Man muss sich zum Surroundmix durchklicken (- 2%)
+ etwas Bonusmaterial (+ 0,5%)

 

GESAMTWERTUNG: 80 %

Erläuterungen zur Bewertung

Verfügbarkeit:

CD / DVD: Ist erst 2016 erschienen und sollte ohne Probleme zu erwerben sein. Tony Banks ist niemand, für den man vor dem Laden zelten muss. Kostenpunkt um die 23 Euro.

Stand: 28.04.2017

 


Links:

Offizielle Webseite von Tony Banks (den Begriff Webseite kann man wörtlich nehmen)

 

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